mentecaptus
23.08.09, 13:26
Hitler-Stalin-Pakt
Bündnis des Bösen
Vor 70 Jahren schlossen die Diktatoren Adolf Hitler und Joseph Stalin einen Nichtangriffspakt. In einem geheimen Zusatzprotokoll teilten sie Polen untereinander auf, eine Woche später fiel die Wehrmacht im Nachbarland ein - und kaum zwei Jahre später auch in der Sowjetunion.
(...)
Auf dem Parteitag der KPdSU hatte Stalin am 10. März 1939 die Appeasement-Politik des Westens heftig kritisiert. Die Sowjetunion sei nicht bereit, für die kapitalistischen Mächte die Kastanien aus dem Feuer zu holen, so der Kommunistenführer. Die Deutschen verstanden das als Signal, und so war es wohl auch gemeint. Bald darauf wurden die Gespräche über ein Wirtschaftsabkommen intensiviert. Im Juli deutete der Russlandspezialist im Auswärtigen Amt, Legationsrat Karl Schnurre, bei einem festlichen Abendessen mit hochrangigen sowjetischen Funktionären erstmals an, das Wirtschaftsabkommen könne von einem politischen Abkommen begleitet werden, welches die territorialen Interessen beider Länder berücksichtige.
Parallel zu dem Techtelmechtel zwischen den so gegensätzlichen Diktaturen widmete sich Hitler mit großer Energie der polnischen Frage. Sein Nichtangriffspakt mit dem polnischen Diktator Joséf Piłsudski von 1934 war ein geschickter Schachzug gewesen. Hitler hatte er internationales Renommee verschafft, zugleich trieb er einen Keil zwischen Frankreich und Polen und bannte für das "Dritte Reich" die Gefahr eines Zweifrontenkrieges. Der Schritt bot sogar die Perspektive, die Polen in einem Krieg um "Lebensraum im Osten" als Vorhut einzusetzen. Doch nach einer Serie von Aggressionen gegen Nachbarn - der Anschluss Österreichs, der Einmarsch in die Tschechoslowakei, verlor Hitler zunehmend das Interesse an diesem Nichtangriffspakt. Im März 1939 verlangte der "Führer" die Angliederung der gemäß unter der Aufsicht des Völkerbundes stehenden Stadt Danzig an das Deutsche Reich sowie exterritoriale Verkehrswege durch den polnischen Korridor, der die alte Hansestadt Stadt vom Reich trennte.
Vor dem eigens einberufenen Reichstag, mittlerweile ein bedeutungsloses Pseudo-Parlament, erklärte Hitler am 28. April, dass Polen diesen "wahrhaft einmaligen Kompromiss" abgelehnt habe und er deshalb das deutsch-polnische Nichtangriffsabkommen "als durch Polen einseitig verletzt" und damit "als nicht mehr bestehend" ansehe. Großbritannien und Frankreich gaben daraufhin eine Garantieerklärung für Polen ab: Greife das Deutsche Reich Polen an, so wäre dies für London und Paris der Kriegsgrund. Nachdem die Westmächte jedoch wenige Wochen die Zerschlagung der Tschechoslowakei hingenommen hatten, machte diese Bestandsgarantie auf Hitler und seine Strategen keinen großen Eindruck. Am 22. Mai 1939 wurde in Berlin vom neuen deutschen Außenminister Joachim von Ribbentrop und seinem italienischen Amtskollegen Graf Galeazzo Ciano, Mussolinis Schwiegersohn, ein deutsch-italienischer Bündnisvertrag unterzeichnet. Dieser "Stahlpakt" hatte ausdrücklich eine militärische Kooperation zum Gegenstand und verpflichtete die Vertragspartner sogar bei Angriffskriegen zum Beistand.
Gleichzeitig hielt Hitler es für besser, die Italiener in seine Pläne für den Überfall auf Polen nicht einzuweihen. Erst Mitte August 1939 empfing Ribbentrop Ciano in seiner Residenz über dem Fuschlsee nahe Hitlers Berghof und eröffnete ihm, dass die "gnadenlose Vernichtung Polens durch Deutschland" unausweichlich sei. Ciano war einigermaßen konsterniert und kehrte mit dem Eindruck nach Rom zurück, dass Hitler sich um keinen Preis von seinem Kriegskurs würde abbringen lassen. Den Italienern blieb nur die Option, sich neutral zu verhalten.
Das konnte Hitler leicht verschmerzen - denn in Moskau gelang ihm ein entscheidender Durchbruch. Stalin hatte lange gezögert, die englisch-französische Option ganz aufzugeben, doch schließlich war er bereit, Ribbentrop am 23. August in Moskau zu empfangen. Als die Nachricht auf dem Obersalzberg eintraf, wurden Champagnerflaschen entkorkt - Polens Schicksal war besiegelt. Ribbentrop und Molotow unterzeichneten den deutsch-sowjetischen Nichtangriffsvertrag noch am selben Tag.
In einem geheimen Zusatzprotokoll zum Hitler-Stalin-Pakt, wie er bald hieß, wurden "für den Fall einer territorialpolitischen Umgestaltung" die Interessensphären beider Seiten fixiert. Im zweiten Artikel des Zusatzprotokolls hieß es: "Die Frage, ob die beiderseitigen Interessen die Erhaltung eines unabhängigen polnischen Staates erwünscht erscheinen lassen und wie dieser Staat abzugrenzen wäre, kann endgültig erst im Laufe der weiteren politischen Entwicklung geklärt werden."
Die deutschen Zeitungen waren von der NS-Propaganda gehalten, die Unterzeichnung des Nichtangriffsvertrages "ganz groß auf der ersten Seite" zu bringen. Die Redaktionen sollten deutlich machen, dass es sich hier um einen "sensationellen Wendepunkt in der Geschichte der beiden Völker" handle. Hinweise auf das gute deutsch-russische Verhältnis in der Ära Bismarck waren ausdrücklich erwünscht. Selbst der von den Nazis einst wütend attackierte Rapallo-Vertrag, mit dem sich 1922 die Weimarer Republik und die Sowjetunion einander angenähert hatten, durfte erwähnt werden, "aber nicht besonders groß".
Eine Woche später fielen die deutschen Truppen in Polen ein, am 28. September fiel die Hauptstadt Warschau. Kurz zuvor hatten sowjetische Truppen, nach mehrfacher Aufforderung durch die Deutschen, den östlichen Teil Polens besetzt. Noch am Tage der polnischen Kapitulation unterzeichneten Ribbentrop und Molotow einen deutsch-sowjetischen Freundschaftsvertrag. In dessen Präambel hieß es mit schwer zu überbietendem Zynismus: "Die Deutsche Reichsregierung und die Regierung der UdSSR betrachten es nach dem Auseinanderfallen des bisherigen polnischen Staates ausschließlich als ihre Aufgabe, in diesen Gebieten die Ruhe und Ordnung wiederherzustellen und den dort lebenden Völkerschaften ein ihrer völkischen Eigenart entsprechendes friedliches Dasein zu sichern."
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Mehr... (http://einestages.spiegel.de/static/topicalbumbackground/4788/buendnis_des_boesen.html)
Bündnis des Bösen
Vor 70 Jahren schlossen die Diktatoren Adolf Hitler und Joseph Stalin einen Nichtangriffspakt. In einem geheimen Zusatzprotokoll teilten sie Polen untereinander auf, eine Woche später fiel die Wehrmacht im Nachbarland ein - und kaum zwei Jahre später auch in der Sowjetunion.
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Auf dem Parteitag der KPdSU hatte Stalin am 10. März 1939 die Appeasement-Politik des Westens heftig kritisiert. Die Sowjetunion sei nicht bereit, für die kapitalistischen Mächte die Kastanien aus dem Feuer zu holen, so der Kommunistenführer. Die Deutschen verstanden das als Signal, und so war es wohl auch gemeint. Bald darauf wurden die Gespräche über ein Wirtschaftsabkommen intensiviert. Im Juli deutete der Russlandspezialist im Auswärtigen Amt, Legationsrat Karl Schnurre, bei einem festlichen Abendessen mit hochrangigen sowjetischen Funktionären erstmals an, das Wirtschaftsabkommen könne von einem politischen Abkommen begleitet werden, welches die territorialen Interessen beider Länder berücksichtige.
Parallel zu dem Techtelmechtel zwischen den so gegensätzlichen Diktaturen widmete sich Hitler mit großer Energie der polnischen Frage. Sein Nichtangriffspakt mit dem polnischen Diktator Joséf Piłsudski von 1934 war ein geschickter Schachzug gewesen. Hitler hatte er internationales Renommee verschafft, zugleich trieb er einen Keil zwischen Frankreich und Polen und bannte für das "Dritte Reich" die Gefahr eines Zweifrontenkrieges. Der Schritt bot sogar die Perspektive, die Polen in einem Krieg um "Lebensraum im Osten" als Vorhut einzusetzen. Doch nach einer Serie von Aggressionen gegen Nachbarn - der Anschluss Österreichs, der Einmarsch in die Tschechoslowakei, verlor Hitler zunehmend das Interesse an diesem Nichtangriffspakt. Im März 1939 verlangte der "Führer" die Angliederung der gemäß unter der Aufsicht des Völkerbundes stehenden Stadt Danzig an das Deutsche Reich sowie exterritoriale Verkehrswege durch den polnischen Korridor, der die alte Hansestadt Stadt vom Reich trennte.
Vor dem eigens einberufenen Reichstag, mittlerweile ein bedeutungsloses Pseudo-Parlament, erklärte Hitler am 28. April, dass Polen diesen "wahrhaft einmaligen Kompromiss" abgelehnt habe und er deshalb das deutsch-polnische Nichtangriffsabkommen "als durch Polen einseitig verletzt" und damit "als nicht mehr bestehend" ansehe. Großbritannien und Frankreich gaben daraufhin eine Garantieerklärung für Polen ab: Greife das Deutsche Reich Polen an, so wäre dies für London und Paris der Kriegsgrund. Nachdem die Westmächte jedoch wenige Wochen die Zerschlagung der Tschechoslowakei hingenommen hatten, machte diese Bestandsgarantie auf Hitler und seine Strategen keinen großen Eindruck. Am 22. Mai 1939 wurde in Berlin vom neuen deutschen Außenminister Joachim von Ribbentrop und seinem italienischen Amtskollegen Graf Galeazzo Ciano, Mussolinis Schwiegersohn, ein deutsch-italienischer Bündnisvertrag unterzeichnet. Dieser "Stahlpakt" hatte ausdrücklich eine militärische Kooperation zum Gegenstand und verpflichtete die Vertragspartner sogar bei Angriffskriegen zum Beistand.
Gleichzeitig hielt Hitler es für besser, die Italiener in seine Pläne für den Überfall auf Polen nicht einzuweihen. Erst Mitte August 1939 empfing Ribbentrop Ciano in seiner Residenz über dem Fuschlsee nahe Hitlers Berghof und eröffnete ihm, dass die "gnadenlose Vernichtung Polens durch Deutschland" unausweichlich sei. Ciano war einigermaßen konsterniert und kehrte mit dem Eindruck nach Rom zurück, dass Hitler sich um keinen Preis von seinem Kriegskurs würde abbringen lassen. Den Italienern blieb nur die Option, sich neutral zu verhalten.
Das konnte Hitler leicht verschmerzen - denn in Moskau gelang ihm ein entscheidender Durchbruch. Stalin hatte lange gezögert, die englisch-französische Option ganz aufzugeben, doch schließlich war er bereit, Ribbentrop am 23. August in Moskau zu empfangen. Als die Nachricht auf dem Obersalzberg eintraf, wurden Champagnerflaschen entkorkt - Polens Schicksal war besiegelt. Ribbentrop und Molotow unterzeichneten den deutsch-sowjetischen Nichtangriffsvertrag noch am selben Tag.
In einem geheimen Zusatzprotokoll zum Hitler-Stalin-Pakt, wie er bald hieß, wurden "für den Fall einer territorialpolitischen Umgestaltung" die Interessensphären beider Seiten fixiert. Im zweiten Artikel des Zusatzprotokolls hieß es: "Die Frage, ob die beiderseitigen Interessen die Erhaltung eines unabhängigen polnischen Staates erwünscht erscheinen lassen und wie dieser Staat abzugrenzen wäre, kann endgültig erst im Laufe der weiteren politischen Entwicklung geklärt werden."
Die deutschen Zeitungen waren von der NS-Propaganda gehalten, die Unterzeichnung des Nichtangriffsvertrages "ganz groß auf der ersten Seite" zu bringen. Die Redaktionen sollten deutlich machen, dass es sich hier um einen "sensationellen Wendepunkt in der Geschichte der beiden Völker" handle. Hinweise auf das gute deutsch-russische Verhältnis in der Ära Bismarck waren ausdrücklich erwünscht. Selbst der von den Nazis einst wütend attackierte Rapallo-Vertrag, mit dem sich 1922 die Weimarer Republik und die Sowjetunion einander angenähert hatten, durfte erwähnt werden, "aber nicht besonders groß".
Eine Woche später fielen die deutschen Truppen in Polen ein, am 28. September fiel die Hauptstadt Warschau. Kurz zuvor hatten sowjetische Truppen, nach mehrfacher Aufforderung durch die Deutschen, den östlichen Teil Polens besetzt. Noch am Tage der polnischen Kapitulation unterzeichneten Ribbentrop und Molotow einen deutsch-sowjetischen Freundschaftsvertrag. In dessen Präambel hieß es mit schwer zu überbietendem Zynismus: "Die Deutsche Reichsregierung und die Regierung der UdSSR betrachten es nach dem Auseinanderfallen des bisherigen polnischen Staates ausschließlich als ihre Aufgabe, in diesen Gebieten die Ruhe und Ordnung wiederherzustellen und den dort lebenden Völkerschaften ein ihrer völkischen Eigenart entsprechendes friedliches Dasein zu sichern."
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