Gideon
12.08.09, 21:23
Diesen Beitrag hat Michael Winkler auf seiner Homepage veröffentlicht. Als Privatperson ist es mir erlaubt den Artikel hier komplett zu zitieren, wie man seiner Seite entnehmen kann.
TEIL 1
Umkehrpunkt (12.8.2009)
Umgangssprachlich werden Umkehrpunkte und Wendepunkte gerne im selben Sinn gebraucht. Mathematisch ist der Umkehrpunkt ein Extremwert, bis dahin geht es abwärts und ab dann aufwärts - oder eben umgekehrt. Der Wendepunkt, von dem Politiker gerne reden, beschreibt das Krümmungsverhalten und damit eine Tendenzumkehr. Vor dem Wendepunkt geht es beispielsweise ständig stärker abwärts, danach weniger stark, aber eben immer noch abwärts.
Man sollte deshalb ganz genau hinhören, wenn Politiker "die Wende" versprechen. "Die Wende" gab es bei dem schlimmsten Kanzler des nachmaligen Merkel-Deutschlands gleich zweimal. Die erste Regierung Kohl hatte die Wende versprochen, und ja, es ging weiter abwärts, doch nicht mehr ganz so schnell wie zuvor unter Schmidt. Und auch das Ende der DDR (Version 1.0) wurde als "Wende" bezeichnet. Es wurde sogar zur doppelten Wende: Mit der Alt-BRD ging es schneller bergab, mit der Alt-DDR langsamer. Wenn heute in Merkel-Deutschland fast alle (außer Manager, Bankster und Politiker) mehr arbeiten und weniger verdienen bzw. gar nicht arbeiten und Hartz IV bekommen, dann zeigt das ganz deutlich, daß die heutige DDR (Modell 2.0) die Wende tatsächlich geschafft hat.
Wir leben heute in einem Staat, dessen letzter Konsens der "Kampf gegen Rechts" ist. Alles andere, was Sinn oder Einheit stiften kann, ist abgeschafft. Deutsche Kultur? Das ist rechts! D-Mark? Abgeschafft! Deutscher Fußball? Müde Millionäre, die über den Ball stolpern und den anderen beim Siegen zuschauen. Deutsche Geschichte? Das ist das, was das deutsche Volk zwischen 1933 und 45 den jüdischen Menschen angetan hat, deswegen sind wir schuldig, schuldig, schuldig! Deutsche Literatur? Die stammt von der Schottin Rosamunde Pilcher und flimmert im ZDF von der Mattscheibe.
Das, was heute die gefürchtete NPD vertritt, wären 1969 linksliberale Positionen gewesen. Alle Parteien, die 1949 den ersten Bundestag gebildet haben - einschließlich der KPD - wären nach heutigem Verständnis "rechts von der CSU".
Es gibt eine Frage, die mir immer wieder gestellt wird: Wie soll aus diesem heutigen Sauhaufen, der sich aus alter Gewohnheit "Deutschland" nennt, etwas werden, das diesen Namen tatsächlich verdient? Wie soll aus einem abgewirtschafteten und moralisch gebrochenen Volk von Duckmäusern und Denunzianten wieder eine Volksgemeinschaft werden, die voller Stolz auf die eigene Herkunft blickt? Die sich ihres eigenen Wertes bewußt ist, und es deshalb nicht nötig hat, auf andere Völker herabzusehen? Wie soll aus einer trägen Masse von Fernsehzuschauern, die Gottschalk für Unterhaltung und Harald Schmidt für intellektuelle Anregung halten, wieder ein Kulturvolk entstehen?
Eine "Wende" reicht dazu nicht aus, wir benötigen eine echte Umkehr. Vielleicht bin ich ein unverbesserlicher Optimist, weil ich glaube, daß es nach einer Umkehr recht schnell aufwärts gehen würde, mehr als meine Hoffnung kann ich nicht bieten. Ich kann nur den Weg zum Umkehrpunkt aufzeigen, was jenseits dieser Schwelle liegt, hängt von den "Randbedingungen" ab, von den Gegebenheiten zur Zeit der Umkehr.
Volksgemeinschaft
Das größte Verbrechen im Rahmen der "Umerziehung" durch die Siegermächte des zweiten Weltkriegs war und ist die Zerstörung der Volksgemeinschaft. Eine Gemeinschaft - und zwar jede Art von Gemeinschaft - basiert auf Zusammenarbeit und gegenseitigem Vertrauen. Eine Gruppe von Soldaten muß sich darauf verlassen können, daß die Nachtwache auch tatsächlich Wache hält und nicht schläft oder gar den Feind ins Lager führt. Eine belagerte Stadt muß sich darauf verlassen, daß niemand heimlich die Tore öffnet und den Feind durch die Mauern läßt.
Die Gemeinschaft beginnt auf der Ebene der Familie. Mann und Frau haben ihre Aufgaben und nur durch vertrauensvolle Zusammenarbeit werden diese vernünftig bewältigt. Niemand käme auf den irrsinnigen Gedanken, im Tierreich "Gleichberechtigung" zu fordern, wenn bei Raubvögeln Männchen und Weibchen unterschiedlich groß und auf unterschiedliche Beute ausgelegt sind. Nur die Menschen, der "westliche Kulturkreis", verlangt, daß Frauen zu Reservemännern werden und Männer ihre Eigenheiten aufzugeben hätten.
Wir sind keine Engel, Gewalt in den Familien gab es immer. Ich rede hier nicht davon, daß ein Mann die Peitsche nicht vergessen sollte, wenn er zum Weibe geht. Streit läßt sich nicht vermeiden, Übergriffe von beiden Seiten leider auch nicht. In früheren Zeiten, in intakten Familien, hat man danach immer wieder zueinander gefunden. Es gibt kein "friedliches" Geschlecht, genügend "Ehedrachen" haben ihren Männern das Leben zur Hölle gemacht, ähnlich wie wütende Trunkenbolde ihren Frauen. Doch solche Familien waren die Ausnahmen, während sie heute als Regel dargestellt werden, weswegen die Trennung vom Ehepartner immer mehr erleichtert worden ist. Ich muß ja nicht bei dem Kerl / der Schlampe bleiben, also haue ich ab. Ich versuche erst gar nicht, die Ehe zu retten, sondern nehme mir einen Anwalt und fertig.
Früher gab es ein gesundes Mißtrauen gegen Fremde. In einer Dorfgemeinschaft kannte jeder jeden, und jeder wußte, daß der andere sich keinen Betrug erlauben konnte. Wenn der Stoffel den Hannes betrogen hat, ließen sich Michel, Kurt und Sepp nicht mehr auf Geschäfte mit dem Stoffel ein. Die Gemeinschaft regulierte sich selbst. Die wichtigste Währung der damaligen Zeit war nicht in Gold und Silber geprägt, sondern in nicht greifbarem Vertrauen.
Die Volksgemeinschaft hat damals zu ihrem eigenen Schutz die Fremden ausgegrenzt. Der Ausländer, der Zuwanderer mußte sich erst einmal dieses Vertrauen erwerben, das der Einheimische als Geburtsrecht genoß. Das Vertrauen hing an der Mobilität: die alteingesessene Firma, der Handwerker, der in der fünften Generation hier werkelte, der würde auch morgen noch greifbar sein, um zur Rechenschaft gezogen zu werden. Der Fremdling, der durch sein Zuwandern bereits gezeigt hat, daß er heimatlos und jederzeit bereit war, die Örtlichkeit zu wechseln, der war verschwunden, über alle Berge, wenn sein Handeln ruchbar wurde.
Fremde, die sich nach und nach das Vertrauen erwarben, die sich assimilierten, wurden schließlich in die Gemeinschaft aufgenommen. Fremde, die sich ausgrenzten, die der Volksgemeinschaft zur Last fielen und ihr schadeten, wurden trotz Namensänderung aus geschäftlichen Gründen schließlich vertrieben.
Die frühen Industriestädte ahmten die Dorfgemeinschaft nach. Wer in der Arbeitersiedlung wohnte, arbeitete im gleichen Stahl- oder Maschinenwerk, fuhr in die gleiche Zeche ein, war von Gleichen umgeben, von den Leuten, denen er bei der Arbeit durchaus sein Leben anvertraute, mit denen er am Sonntag die gleiche Kirche besuchte, deren Frauen in den gleichen Läden einkauften. Wer "bei Krupp" angefangen hatte, schlug Wurzeln, arbeitete die nächsten 30 Jahre immer bei Krupp. Wenn ein Versicherungsvertreter es sich mit einem "Kruppianer" verdarb, brauchte er es bei den anderen gar nicht zu probieren.
Die moderne Industriegesellschaft hat diese Bindung aufgehoben. Der heutige Arbeiter hat flexibel zu sein, muß nach drei Jahren in Hamburg problemlos nach Bad Tölz umziehen können, später nach Aachen, schließlich nach Berlin und dann nach Frankfurt. Wurzeln sind unerwünscht, weder in Bezug auf eine örtliche Heimat, auf einen Arbeitgeber oder sogar auf den ausgeübten Beruf. Warum den Namen des Nachbarn kennen, wenn man in sechs oder zwölf Monaten doch wieder umzieht?
Stammlokal und Stammtisch sind Begriffe aus der Vergangenheit. Die Dame, die mir heute mein Bier hinstellt, werde ich vermutlich nie wieder treffen. Bis ich unter all den Kneipen der Stadt jene gefunden habe, die mir am besten gefällt, plane ich schon den nächsten Umzug. Mein Hausarzt kennt mich nicht und ich muß überlegen, wie er aussieht. Bevor mein Postbote weiß, wo ich wohne, ist er schon wieder versetzt.
Doch dies ist nur das Offensichtliche der Auflösung der Volksgemeinschaft. Wer früher etwas erfahren wollte, mußte die Gemeinschaft aufsuchen. Ob im Ortsverein einer Partei oder im Sportverein, Gesangsverein, Schachverein - jeder brauchte die Unterhaltung danach, um Bescheid zu wissen. Heute schaltet jeder für sich den Fernseher ein. Wer sich unterhalten wollte, besuchte das Theater oder das Kino, wer Musik hören wollte, ein Konzert - das wird heute alles ins Haus geliefert, keiner muß den anderen treffen. Wer sich erholen wollte, der traf am Fluß oder am See seine Nachbarn. Heute fliegt jeder für sich in den Urlaub - und tunlichst nicht dorthin, wo sich Bekannte aufhalten.
Früher halfen sich Nachbarn ganz selbstverständlich gegenseitig. Der eine hatte ein Zapfbesteck, der andere eine Bohrmaschine, der dritte einen großen Grill, der vierte eine Kreissäge - und jeder half, wenn er gebraucht wurde. Einen Nachbarn, den ich wegen Ruhestörung angezeigt habe, kann ich nicht mehr um seine Bohrmaschine bitten, da kaufe ich mir lieber selbst eine.
http://www.michaelwinkler.de/Pranger/Pranger.html
TEIL 1
Umkehrpunkt (12.8.2009)
Umgangssprachlich werden Umkehrpunkte und Wendepunkte gerne im selben Sinn gebraucht. Mathematisch ist der Umkehrpunkt ein Extremwert, bis dahin geht es abwärts und ab dann aufwärts - oder eben umgekehrt. Der Wendepunkt, von dem Politiker gerne reden, beschreibt das Krümmungsverhalten und damit eine Tendenzumkehr. Vor dem Wendepunkt geht es beispielsweise ständig stärker abwärts, danach weniger stark, aber eben immer noch abwärts.
Man sollte deshalb ganz genau hinhören, wenn Politiker "die Wende" versprechen. "Die Wende" gab es bei dem schlimmsten Kanzler des nachmaligen Merkel-Deutschlands gleich zweimal. Die erste Regierung Kohl hatte die Wende versprochen, und ja, es ging weiter abwärts, doch nicht mehr ganz so schnell wie zuvor unter Schmidt. Und auch das Ende der DDR (Version 1.0) wurde als "Wende" bezeichnet. Es wurde sogar zur doppelten Wende: Mit der Alt-BRD ging es schneller bergab, mit der Alt-DDR langsamer. Wenn heute in Merkel-Deutschland fast alle (außer Manager, Bankster und Politiker) mehr arbeiten und weniger verdienen bzw. gar nicht arbeiten und Hartz IV bekommen, dann zeigt das ganz deutlich, daß die heutige DDR (Modell 2.0) die Wende tatsächlich geschafft hat.
Wir leben heute in einem Staat, dessen letzter Konsens der "Kampf gegen Rechts" ist. Alles andere, was Sinn oder Einheit stiften kann, ist abgeschafft. Deutsche Kultur? Das ist rechts! D-Mark? Abgeschafft! Deutscher Fußball? Müde Millionäre, die über den Ball stolpern und den anderen beim Siegen zuschauen. Deutsche Geschichte? Das ist das, was das deutsche Volk zwischen 1933 und 45 den jüdischen Menschen angetan hat, deswegen sind wir schuldig, schuldig, schuldig! Deutsche Literatur? Die stammt von der Schottin Rosamunde Pilcher und flimmert im ZDF von der Mattscheibe.
Das, was heute die gefürchtete NPD vertritt, wären 1969 linksliberale Positionen gewesen. Alle Parteien, die 1949 den ersten Bundestag gebildet haben - einschließlich der KPD - wären nach heutigem Verständnis "rechts von der CSU".
Es gibt eine Frage, die mir immer wieder gestellt wird: Wie soll aus diesem heutigen Sauhaufen, der sich aus alter Gewohnheit "Deutschland" nennt, etwas werden, das diesen Namen tatsächlich verdient? Wie soll aus einem abgewirtschafteten und moralisch gebrochenen Volk von Duckmäusern und Denunzianten wieder eine Volksgemeinschaft werden, die voller Stolz auf die eigene Herkunft blickt? Die sich ihres eigenen Wertes bewußt ist, und es deshalb nicht nötig hat, auf andere Völker herabzusehen? Wie soll aus einer trägen Masse von Fernsehzuschauern, die Gottschalk für Unterhaltung und Harald Schmidt für intellektuelle Anregung halten, wieder ein Kulturvolk entstehen?
Eine "Wende" reicht dazu nicht aus, wir benötigen eine echte Umkehr. Vielleicht bin ich ein unverbesserlicher Optimist, weil ich glaube, daß es nach einer Umkehr recht schnell aufwärts gehen würde, mehr als meine Hoffnung kann ich nicht bieten. Ich kann nur den Weg zum Umkehrpunkt aufzeigen, was jenseits dieser Schwelle liegt, hängt von den "Randbedingungen" ab, von den Gegebenheiten zur Zeit der Umkehr.
Volksgemeinschaft
Das größte Verbrechen im Rahmen der "Umerziehung" durch die Siegermächte des zweiten Weltkriegs war und ist die Zerstörung der Volksgemeinschaft. Eine Gemeinschaft - und zwar jede Art von Gemeinschaft - basiert auf Zusammenarbeit und gegenseitigem Vertrauen. Eine Gruppe von Soldaten muß sich darauf verlassen können, daß die Nachtwache auch tatsächlich Wache hält und nicht schläft oder gar den Feind ins Lager führt. Eine belagerte Stadt muß sich darauf verlassen, daß niemand heimlich die Tore öffnet und den Feind durch die Mauern läßt.
Die Gemeinschaft beginnt auf der Ebene der Familie. Mann und Frau haben ihre Aufgaben und nur durch vertrauensvolle Zusammenarbeit werden diese vernünftig bewältigt. Niemand käme auf den irrsinnigen Gedanken, im Tierreich "Gleichberechtigung" zu fordern, wenn bei Raubvögeln Männchen und Weibchen unterschiedlich groß und auf unterschiedliche Beute ausgelegt sind. Nur die Menschen, der "westliche Kulturkreis", verlangt, daß Frauen zu Reservemännern werden und Männer ihre Eigenheiten aufzugeben hätten.
Wir sind keine Engel, Gewalt in den Familien gab es immer. Ich rede hier nicht davon, daß ein Mann die Peitsche nicht vergessen sollte, wenn er zum Weibe geht. Streit läßt sich nicht vermeiden, Übergriffe von beiden Seiten leider auch nicht. In früheren Zeiten, in intakten Familien, hat man danach immer wieder zueinander gefunden. Es gibt kein "friedliches" Geschlecht, genügend "Ehedrachen" haben ihren Männern das Leben zur Hölle gemacht, ähnlich wie wütende Trunkenbolde ihren Frauen. Doch solche Familien waren die Ausnahmen, während sie heute als Regel dargestellt werden, weswegen die Trennung vom Ehepartner immer mehr erleichtert worden ist. Ich muß ja nicht bei dem Kerl / der Schlampe bleiben, also haue ich ab. Ich versuche erst gar nicht, die Ehe zu retten, sondern nehme mir einen Anwalt und fertig.
Früher gab es ein gesundes Mißtrauen gegen Fremde. In einer Dorfgemeinschaft kannte jeder jeden, und jeder wußte, daß der andere sich keinen Betrug erlauben konnte. Wenn der Stoffel den Hannes betrogen hat, ließen sich Michel, Kurt und Sepp nicht mehr auf Geschäfte mit dem Stoffel ein. Die Gemeinschaft regulierte sich selbst. Die wichtigste Währung der damaligen Zeit war nicht in Gold und Silber geprägt, sondern in nicht greifbarem Vertrauen.
Die Volksgemeinschaft hat damals zu ihrem eigenen Schutz die Fremden ausgegrenzt. Der Ausländer, der Zuwanderer mußte sich erst einmal dieses Vertrauen erwerben, das der Einheimische als Geburtsrecht genoß. Das Vertrauen hing an der Mobilität: die alteingesessene Firma, der Handwerker, der in der fünften Generation hier werkelte, der würde auch morgen noch greifbar sein, um zur Rechenschaft gezogen zu werden. Der Fremdling, der durch sein Zuwandern bereits gezeigt hat, daß er heimatlos und jederzeit bereit war, die Örtlichkeit zu wechseln, der war verschwunden, über alle Berge, wenn sein Handeln ruchbar wurde.
Fremde, die sich nach und nach das Vertrauen erwarben, die sich assimilierten, wurden schließlich in die Gemeinschaft aufgenommen. Fremde, die sich ausgrenzten, die der Volksgemeinschaft zur Last fielen und ihr schadeten, wurden trotz Namensänderung aus geschäftlichen Gründen schließlich vertrieben.
Die frühen Industriestädte ahmten die Dorfgemeinschaft nach. Wer in der Arbeitersiedlung wohnte, arbeitete im gleichen Stahl- oder Maschinenwerk, fuhr in die gleiche Zeche ein, war von Gleichen umgeben, von den Leuten, denen er bei der Arbeit durchaus sein Leben anvertraute, mit denen er am Sonntag die gleiche Kirche besuchte, deren Frauen in den gleichen Läden einkauften. Wer "bei Krupp" angefangen hatte, schlug Wurzeln, arbeitete die nächsten 30 Jahre immer bei Krupp. Wenn ein Versicherungsvertreter es sich mit einem "Kruppianer" verdarb, brauchte er es bei den anderen gar nicht zu probieren.
Die moderne Industriegesellschaft hat diese Bindung aufgehoben. Der heutige Arbeiter hat flexibel zu sein, muß nach drei Jahren in Hamburg problemlos nach Bad Tölz umziehen können, später nach Aachen, schließlich nach Berlin und dann nach Frankfurt. Wurzeln sind unerwünscht, weder in Bezug auf eine örtliche Heimat, auf einen Arbeitgeber oder sogar auf den ausgeübten Beruf. Warum den Namen des Nachbarn kennen, wenn man in sechs oder zwölf Monaten doch wieder umzieht?
Stammlokal und Stammtisch sind Begriffe aus der Vergangenheit. Die Dame, die mir heute mein Bier hinstellt, werde ich vermutlich nie wieder treffen. Bis ich unter all den Kneipen der Stadt jene gefunden habe, die mir am besten gefällt, plane ich schon den nächsten Umzug. Mein Hausarzt kennt mich nicht und ich muß überlegen, wie er aussieht. Bevor mein Postbote weiß, wo ich wohne, ist er schon wieder versetzt.
Doch dies ist nur das Offensichtliche der Auflösung der Volksgemeinschaft. Wer früher etwas erfahren wollte, mußte die Gemeinschaft aufsuchen. Ob im Ortsverein einer Partei oder im Sportverein, Gesangsverein, Schachverein - jeder brauchte die Unterhaltung danach, um Bescheid zu wissen. Heute schaltet jeder für sich den Fernseher ein. Wer sich unterhalten wollte, besuchte das Theater oder das Kino, wer Musik hören wollte, ein Konzert - das wird heute alles ins Haus geliefert, keiner muß den anderen treffen. Wer sich erholen wollte, der traf am Fluß oder am See seine Nachbarn. Heute fliegt jeder für sich in den Urlaub - und tunlichst nicht dorthin, wo sich Bekannte aufhalten.
Früher halfen sich Nachbarn ganz selbstverständlich gegenseitig. Der eine hatte ein Zapfbesteck, der andere eine Bohrmaschine, der dritte einen großen Grill, der vierte eine Kreissäge - und jeder half, wenn er gebraucht wurde. Einen Nachbarn, den ich wegen Ruhestörung angezeigt habe, kann ich nicht mehr um seine Bohrmaschine bitten, da kaufe ich mir lieber selbst eine.
http://www.michaelwinkler.de/Pranger/Pranger.html