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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : [Geschichtsträchtiges] Weimar: Staatsgründung beim Erdbeereis


mentecaptus
09.08.09, 12:33
Staatsgründung beim Erdbeereis

Schwarzburger Republik? Die erste deutsche Demokratie müsste eigentlich nach einem idyllischen Urlaubsort im Thüringer Wald heißen. Hier setzte Reichspräsident Friedrich Ebert am 11. August 1919 mit einem Federstrich die Verfassung in Kraft, die dann nach Weimar benannt wurde.

An berühmten Gästen hat es dem Städtchen Schwarzburg früher nie gemangelt. Goethe und Schiller weilten einst in dem romantischen Flecken im Thüringer Wald, ebenso Wilhelm von Humboldt oder Arthur Schopenhauer. Idyllisch schmiegt sich der 600-Seelen-Ort in ein schmales Tal, durch das über Steine und dichte Moospolster das Flüsschen Schwarza gurgelt; rundherum ragen geschwungene Berge mit dichten Wäldern empor.

Anfang des 20. Jahrhunderts, als Urlaub noch "Sommerfrische" und Touristen "Fremdengäste" hießen, war das Schwarzatal gefragt wie heute Malibu oder Mallorca. Am 29. Juli 1919 kam wieder mal ein berühmter Gast vorgefahren: Friedrich Ebert. Der frisch gewählte Reichspräsident wollte sich und seiner Familie drei Wochen Erholung gönnen. Der Nähe zu Weimar wegen, wo die Nationalversammlung seit Februar am Fundament für die - später Weimarer Republik genannte - neue deutsche Demokratie baute, erschien dem Sozialdemokraten Schwarzburg als ideales Ziel.

Ein gern gesehener Gast war Ebert gleichwohl nicht. Die Schwarzburger nämlich waren schon immer obrigkeitstreu gewesen. Von "Sozen" wie Ebert hielt man nichts, diente lieber den Fürsten von Schwarzburg-Rudolstadt, die ihr Schloss hoch über dem Ort errichtet hatten. Als letzter deutscher Regionalmonarch hatte Fürst Günther Victor erst ein Jahr zuvor abgedankt - der SPD-Politiker Ebert muss für die Schwarzburger den "Ludergeruch der Revolution" verkörpert haben.

Kleines Ereignis, immense Bedeutung
Eberts Urlaub in der thüringischen Idylle wäre nicht mehr als eine Fußnote in seiner Biografie gewesen, hätte er nicht hier in Schwarzburg die Weimarer Reichsverfassung unterzeichnet und damit Geschichte geschrieben. Fast 300 Kilometer vom politischen Berlin entfernt legte Ebert am 11. August 1919 in den Tiefen des Thüringer Waldes den Grundstein für die erste Demokratie auf deutschem Boden - ohne Pauken und Trompeten, ohne Zeremonie. "Das Ereignis selbst war ein kleines", sagt Stefan Gerber, Historiker an der Jenaer Friedrich-Schiller-Universität, "die Bedeutung dahinter immens."

Dass ein Politiker mal eben schnell im Urlaub eine Verfassung unterzeichnet, ist in der Geschichte vermutlich einzigartig. Das bundesdeutsche Grundgesetz etwa wurde 30 Jahre später im Rahmen eines opulenten Festakts unterschrieben, begleitet von einem Riesenaufgebot in- und ausländischer Journalisten. Von Eberts Tat existiert noch nicht mal ein Foto.

Anderseits scheint das Fehlen jedweder Glorie im Jahr 1919 geradezu symptomatisch für die Zeit, erklärt der Geschäftsführer der Friedrich-Ebert-Gedenkstätte in Heidelberg, Walter Mühlhausen: "Ebert wollte dem Pomp des Kaiserreiches abschwören und verzichtete daher auf einen Festakt. Alles andere war mit seinem Amtstil nicht in Einklang zu bringen."

Mehr... (http://einestages.spiegel.de/static/topicalbumbackground/4701/staatsgruendung_beim_erdbeereis.html)

Blue Max
14.08.09, 21:14
Ich bin verständlicherweise kein Freund der Weimarer Demokratie. Allerdings muß ich ihr zugute halten, daß sie eine deutsche Demokratie war, mit einer vom Volk selbst gegebenen Verfassung.

Ganz im Gegensatz zum GG, daß uns von unseren "Befreiern" aufgenötigt wurde.