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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Zur Atomisierung moderner Gesellschaften


Mr. Smith
07.11.09, 18:40
Nach dem Tod eines der bedeutendsten Philosophen und Ethnologen unserer Gegenwart - des grossen Claude Levi-Strauss - möchte ich hier einmal jene Frage aufwerfen, mit deren Erforschung er zu Weltruhm gelangte: Levi-Strauss meinte dereinst, die Quantität sittlich codierter Verhaltensnormen bei Ethnien würde mit zunehmender Qualität ihres gesellschaftlichen Stadiums sinken - und zwar signifikant!

Woraus resultiert nun aber diese kulturelle Demenz? Werden Entitäten ob wissenschaftlichen Fortschritts sowie der zugehörigen erleichterten Persistenz zunehmend kommunikativ unabhängiger? Gestaltet Erkenntnisgewinn uns eine Umwelt der Vereinsamung oder gar der Verfrechung? Drängt es Individuen aus soziophobischen Motiven zu kollektivistischen Ideologien hin - und sind diese ipse ergo rückwärts gewandt?

Und was können wir ob seiner Lehren eigentlich für die Zukunft schlussfolgern?

/discuss

NukNuk

Mostrich
07.11.09, 19:10
Ich gebe die Fragen zurück: Wie würdest Du sie beantworten?

Was verstehst Du unter Verfrechung? In meinem WB finde ich keinen Eintrag dazu.

Mr. Smith
07.11.09, 19:19
Was verstehst Du unter Verfrechung?

Verfrechung im Sinne von Sokrates; den dekadenten Unterton unterstreichend.

Die Jugend von heute liebt den Luxus, hat schlechte Manieren und verachtet die Autorität. Sie widersprechen ihren Eltern, legen die Beine übereinander und tyrannisieren ihre Lehrer.

;-)

NukNuk

Mostrich
07.11.09, 19:23
Verfrechung im Sinne von Sokrates; den dekadenten Unterton unterstreichend.



;-)

NukNuk

Dann habe ich es richtig verstanden.:-)

Itchy
07.11.09, 19:33
hat nietzsche nicht ähnliches vertreten ?
hat er nicht - wenn ich mich recht entsinne - in seiner denkschrift
"die geburt der tragödie aus dem Geist der musik" dargelegt, dass in der antiken Demokratie ein Zeitalter des gesellschaftlichen Niedergangs zu sehen ist, während man sie vorher einhellig als Blütezeit meinte, zu erkennen ?
Er machte doch geltend, dass die Sicherheit, die die Hellenen in der Demokratie hatten, sie vom Zwang zu Höchstleistungen entband ...

ist schon ewige Zeiten her, dass ich das gelesen hatte, aber ich glaube, das war so in etwa eine Kernaussage. Fand ich plausibel.

Mr. Smith
07.11.09, 19:45
Er machte doch geltend, dass die Sicherheit, die die Hellenen in der Demokratie hatten, sie vom Zwang zu Höchstleistungen entband

Genau dies ist einer der Punkte, um welche es mir hierbei geht!
Höchstleistung erfordert Autorität und normative Tradierung. Diese wird jedoch nur erbracht im Kampf ums Leben, nicht im Kampf ums bessere Leben. Ist es also gerade der Zwang, Ressourcen innerhalb des eigenen Systems für alle dieses aufrecht Erhaltenden gerecht zu verteilen, welcher jene codierten Verhaltensweisen schafft? Oder ist es ein - aus modernistischer Sicht - lediglich primitiv-instinktives Rudelverhalten; falsch gedeutet in Wert und Funktion von Levi-Strauss?

NukNuk

Mr. Smith
07.11.09, 19:50
http://fossy.iwasno.net/quatsch/denker.jpg

NukNuk

Mostrich
07.11.09, 21:43
Woraus resultiert nun aber diese kulturelle Demenz? Werden Entitäten ob wissenschaftlichen Fortschritts sowie der zugehörigen erleichterten Persistenz zunehmend kommunikativ unabhängiger? Gestaltet Erkenntnisgewinn uns eine Umwelt der Vereinsamung oder gar der Verfrechung? Drängt es Individuen aus soziophobischen Motiven zu kollektivistischen Ideologien hin - und sind diese ipse ergo rückwärts gewandt?

Und was können wir ob seiner Lehren eigentlich für die Zukunft schlussfolgern?

/discuss

NukNuk

In seinem in der Kaiserzeit spielenden Roman "Die Heiden von Kummerow" schildert der Sozialist Ehm Welk einen Fall von schwerer Tiermißhandlung, der von der gesamten Dorfgemeinschaft des Ortes Kummerow nicht nur als ein Individual-Verbrechen gesehen, sondern als Schande für das gesamte Dorf empfunden wird. Die Bewohner des Dorfes sehen sich demnach als einander zugehörig, als festgefügte dörfliche Gemeinschaft an, für die jeder Bewohner gleichermaßen verantwortlich ist. Freilich ist die Handlung Fiktion, dennoch dürfte die dargestellte Haltung der Dorfbewohner eine reale Entsprechung gehabt haben, eine, die in dieser Form gegenwärtig nicht mehr oder wenigstens nicht mehr so ausgeprägt existieren dürfte, da der soziale Kitt an vielen Stellen weggebröckelt ist. Ursächlich hierfür könnte tatsächlich die verbesserte ökonomische Situation der meisten Deutschen sein. Man ist beispielsweise nicht mehr angewiesen auf den Nachbarn; Hilfe kann man sich schließlich nötigenfalls gegen Entgelt auch vom Profi verschaffen. Damit entwinden sich natürlich soziale Verflechtungen, die schlußendlich in gesellschaftliche Atomisierungsprozesse münden können. Doch reicht dies allein kaum aus, die gegenwärtige Entwicklung auch nur näherungsweise zu erklären. Es tauchen einfach zu viele Fragen auf. Eine davon ist, welche Rolle dem Staat dabei zukommt, der sich zunehmend nicht nur als sanktionierender Vater Staat, sondern gerade auch als allumfassend versorgender mütterliche Staat ins Leben der Menschen drängt.

opppa
08.11.09, 10:47
Die Atomisierung der modernen Gesellschaften hat doch nur den Sinn, den ReGIERenden die Möglichkeit zu geben, alle anderen Meinungen als unqualifiziert und gefährlich zu verteufeln.

Das klappt nur dann nicht, wenn - wie bei den Mohammedanern - auf einmal eine größere Gruppe auftaucht, die - weil von außen kommend - eben nicht mehr atomisiert ist. Dann versucht das Etablishment eben diese Gruppe - durch Entgegenkommen - auf seine Seite zu ziehen.

Mr. Smith
08.11.09, 11:19
....

Du hast ja mal total das Thema verfehlt.
Hier geht es um grundlegende Ethnologie, nicht um stumpfsinnige Antiislamhetze.

:augenrollen:

NukNuk