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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Die Köpenickiade des AH


Itchy
05.09.09, 12:30
Auf seltsamen Schleichwegen versuchten die Nazis ihren geliebten Führer dem deutschen Volk unterzuschieben.
Folgender missglückter Versuch, ihm eine Staatsbürgerschaft des Reiches zu verschaffen, trägt einen gleichermaßen erhellenden wie erheiternden Charakter.


Hildburghausen: Gendarmeriekommissar

Nur wenige Monate später, im Juli 1930, folgte Fricks nächster Versuch – diesmal, so gab er 1932 zu Protokoll, angeblich nach vorheriger Absprache mit dem Chef der thüringischen Regierung Erwin Baum, der Frick vorgeschlagen haben soll: „Im Sommer, wenn politische Ruhe eingekehrt sein werde, wenn der Landtag nicht mehr da sei, könne man die Sache ja vielleicht machen.“ So geschah es denn auch: Frick übernahm in Abwesenheit Baums gemäß der Geschäftsordnung des Landtages dessen Ressortaufgaben, zog den Leiter des Polizeiwesens, Ministerialrat Dr. Guyet sowie den Abteilungsreferenten Oberregierungsrat Haueisen hinzu, und befragte beide, ob es gesetzliche oder sonstige Vorschriften gebe, die seinem Vorhaben entgegenstünden. Als beide verneinten, schritt Frick umgehend zur Tat, indem er zunächst beiden „ein Schweigegebot gegen jedermann“ auferlegte und Haueisen die Ernennungsurkunde für Hitler diktierte. Der Inhalt bezog sich laut Haueisens späterer Aussage darauf, dass Hitler zum Gendarmeriekommissar einer zehnköpfigen Dienststelle in dem kleinen thüringischen Ort Hildburghausen ernannt werden sollte, wobei bereits vorab vereinbart war, dass Hitler sowohl auf den Dienstantritt als auch auf die damit verbundene Besoldung verzichten werde. Frick selbst verwahrte die Reinschrift der Urkunde und sorgte persönlich dafür, dass von dem Vorgang weder etwas in den Dienstakten zu finden sein würde, noch etwas an die Öffentlichkeit drang. Lediglich Ministerialrat Guyet wurde darüber informiert, den eigentlich bereits für die Stelle in Hildburghausen ausgewählten Oberwachtmeister dahingehend zu unterrichten, dass die ihm in Aussicht gestellte Position „gleich wieder frei“ würde, da Hitler „sofort um seine Entlassung aus dem Staatsdienst nachsuchen werde.“


Tatsächlich überreichte Frick Hitler – unbemerkt von der Öffentlichkeit – auf dem NSDAP-Gautag am 12. Juli 1930 in Gera die Ernennungsurkunde. Allerdings reagierte der „Führer“ vollkommen anders, als Frick erwartet hatte: Da Hitler über Fricks eigenmächtigen Vorstoß nicht informiert war, reagierte er (nach eigener Aussage, s. u.) reserviert, äußerte Bedenken, quittierte aber – unter Vorbehalt eines möglichen nachträglichen Widerrufs – dennoch rechtswirksam die Empfangsbestätigung für seine Ernennungsurkunde zum Polizeichef eines Provinzörtchens, mit der er automatisch formell Deutscher wurde.[9]

Nachdem Hitler wieder nach München zurückgekehrt war, schienen sich dort seine Zweifel – genährt durch ähnliche seiner Berater – weiter zu verstärken, was schließlich darin gipfelte, dass ihm die verschaffte subalterne Position in der Provinz endgültig nicht zusagte und er die Ernennungsurkunde, ebenfalls nach eigener Aussage, zerriss, woraufhin Frick in Weimar mit der von Hitler unterschriebenen Empfangsbestätigung dasselbe getan haben will.[9] Damit schien die Angelegenheit für alle Beteiligten aus der Welt.

Inwieweit Fricks zu Protokoll gegebener Aussage tatsächlich Glauben zu schenken ist, dass Baum politische Rückendeckung für dieses Vorgehen gegeben habe, bleibt indes fraglich. Der Historiker Günter Neliba führt z. B. an, Baum habe Fricks beabsichtigte Verbeamtung Hitlers strikt abgelehnt.[15] Frick hätte sich demnach über Baums Weisung vorsätzlich hinweg gesetzt, als er den Vorstoß als Baums Stellvertreter während dessen Sommerurlaub unternahm.



Nachspiel: Die Köpenickiade von Schildburghausen

Wiederum einige Monate später, im Januar 1932, kam durch bis heute ungeklärte Umstände[9] der vertuscht und vergessen geglaubte Vorfall von Hildburghausen doch ans Licht der Öffentlichkeit und sorgte nicht nur in Deutschland, sondern auch im Ausland als „Köpenickiade“ von „Schildburghausen“ für wochenlanges Aufsehen.[12] Die Zeitung Tempo schrieb am 3. Februar: „Seit gestern lacht Europa über Adolf Hitler“, das Berliner Tageblatt: „Die Witzblätter der ganzen Welt sind für geraume Zeit mit Stoff versorgt“ und Germania: „[…] eine staatsrechtliche Komödie, die später einmal den Weg zur Bühne finden wird“.[21]

Am 4. Februar brachte die KPD-Fraktion eine große Anfrage „über die auf geheimen Schleichwegen erfolgte Ernennung Hitlers zum Staatsbeamten (Gendarmeriekommissar Hildburghausen)“ und löste damit eine hitzige parlamentarische Debatte aus,[9] die schließlich in einem parlamentarischen Untersuchungsausschuss gipfelte, der die Angelegenheit untersuchte und vor dem Hitler persönlich als Zeuge in eigener Sache aussagen musste.[23]

Der Ausschussvorsitzende, der SPD-Abgeordnete Hermann Brill, lud Adolf Hitler als Zeugen zur Aufklärung des Sachverhaltes vor.[12] Dieser erschien in Begleitung zahlreicher NS-Größen, wie Rudolf Heß, Joseph Goebbels, Baldur von Schirach, Gregor Strasser, Wilhelm Frick, Fritz Sauckel und Fritz Wächtler.[24] Während der Befragung, die für Hitler lediglich 30 Minuten dauerte, und bei der sich der Zeuge an die meisten Sachverhalte „nicht mehr erinnern“ konnte, brachten Brill und andere Ausschussmitglieder Hitler mit ihren detaillierten Fragen derart in Rage, dass Hitler und die ihn begleitenden NS-Parteigenossen mehrfach zur Ordnung gerufen werden mussten. Brill charakterisierte das Bild, das der „Führer“ und seine NS-Entourage abgaben wie folgt: „Ich hatte in dieser Szene den Hysteriker Hitler ohne Maske gesehen.“, „Goebbels war wie ein Schuljunge auf seinen Stuhl gesprungen.“, „Das Bild ähnelte einer randalierenden Schulklasse.“ Die thüringische Landeszeitung Das Volk titelte am 16. März 1932: „Hitler – die abgeschminkte Primadonna“.[25]

Der Untersuchungsausschuss konnte sich aber nach Abschluss der Befragung nicht zu einem Mehrheitsvotum entschließen, so dass eine weitere juristische Verfolgung der Vorgänge um Hitler aufgrund eines 4:4-Patts zwischen SPD und KPD auf der einen Seite und Landvolkspartei, DVP und Wirtschaftspartei auf der anderen schließlich unterblieb...............